Wer eine Führungsposition innehat, der kennt die vielen Erwartungen die daran geknüpft sind. Wer führt, soll verantwortungsvoll entscheiden, achtsam delegieren, inspirieren und motivieren, Potenziale entdecken und Talente fördern. Es sind hohe Erwartungen, die täglich erfüllt werden wollen, auch dann, wenn die Zeit knapp ist und Stress und Leistungsdruck hoch sind. Gute Führung ist also auch eine Frage der eigenen Energie. Doch wie managen wir unsere Energie am besten?

Wir haben mit einem der führenden Experten für Gesundheits-, Stress und Energiemanagement gesprochen: Dr. med. Ulrich Bauhofer. Er ist Arzt, Bestsellerautor, Meditationstrainer und gefragter Keynote-Speaker. Vor über 35 Jahren war er als erster westlicher Mediziner an der wissenschaftlichen Fundierung des ganzheitlichen Ayurveda beteiligt. Seitdem gilt er als einer der renommiertesten Ayurveda-Experten außerhalb Indiens. Über zehn Jahre lang leitete er die größte Ayurveda Klinik in Europa und praktiziert mittlerweile in seiner eigenen Ayurveda-Praxis in München.

Dr. Bauhofer, als führender Experte für Gesundheits-, Stress- und Energiemanagement beraten Sie auch Unternehmen und Führungskräfte. Hier begegnen Ihnen Menschen, die fast täglich mit einem sehr hohen Leistungsdruck und Alltagsstress umgehen müssen. Erkennen Sie bei Führungskräften ein bestimmtes Krankheits- oder Persönlichkeitsprofil?

Viele Menschen in Führungspositionen haben natürlich ein spezielles Persönlichkeitsprofil. Sie neigen häufig dazu, sich zu überfordern. Sie sind engagiert, verantwortungsbewusst, gewissenhaft, ehrgeizig, perfektionistisch, idealistisch, häufig etwas verbissen, und sehr oft unachtsam sich selbst gegenüber. Wenn sie müde sind, sagen sie, „das muss jetzt aber trotzdem noch gemacht werden“ und muten sich im Laufe der Zeit immer mehr zu. Das prädestiniert sie natürlich für einen Erschöpfungszustand, für hohen Blutdruck, Herz-Kreislauferkrankungen und andere stressbedingte Krankheiten.

Was raten Sie diesen Menschen?

Man muss sich als Führungskraft bewusst sein, dass man von seinen Mitarbeitern genau beobachtet wird. Wenn der Chef oder die Chefin ins Büro kommt, dann schauen alle, wie er oder sie heute drauf ist. Und wenn sie schlecht drauf sind, dann wirkt sich das auf die Performance ihrer Mitarbeiter negativ aus. Wenn aber umgekehrt eine Führungskraft voller Energie und bestgelaunt ins Büro kommt, dann ist sie in der Lage, andere mitzureißen, zu inspirieren und zu motivieren. Deswegen ist ein effizientes Energiemanagement essenziell für Menschen in Führungspositionen.

Nun sprechen Sie ja oft von „Energie“. Wie kann man sich diese Energie vorstellen?

Letztendlich dreht sich im Leben alles um Energie. Jede zwischenmenschliche Beziehung ist ein energetischer Austausch. Wenn ich etwas esse, nehme ich Energie zu mir. Der Sauerstoff, den ich atme, ermöglicht mir den Aufbau meiner Energiespeicher. Im Schlaf regenerieren wir uns. Entscheidend im Leben ist darum die Energiebilanz. Denn sie bestimmt mein Wohlbefinden. Wenn ich mich voller Energie fühle, dann bin ich vital, begeisterungsfähig, motiviert und inspiriert, dann freue ich mich auf den Tag. Wenn ich mich umgekehrt müde und ausgebrannt fühle, empfinde ich auch keine Freude mehr. Energie und Lebensfreude hängen ganz eng miteinander zusammen.

Vielleicht hilft ein Vergleich, die eminente Bedeutung der Energie für unser Leben hervorzuheben. Mit der Energie verhält es sich wie mit Geld. Wenn wir fortwährend mehr ausgeben als wir einnehmen, sind wir in absehbarer Zeit pleite. Wenn wir dauernd mehr Energie verbrauchen als wir regenerieren, rutschen wir in die energetische Insolvenz - wir sind müde, antriebsarm, lustlos, müssen uns zu allem zwingen, nichts macht uns mehr richtig Spaß. Darum ist es so wichtig, die eigenen Energiespender und Energieräuber zumindest in der Balance zu halten und darauf zu achten, dass uns Energievampire wie schlechtes Essen, Schlafmangel, Unzufriedenheit im Job oder zwischenmenschliche Konflikte nicht auszehren.

Wenn man Ihnen zuhört, erkennt man schnell, dass es doch sehr banale Dinge sind, die uns helfen können, diese „energetische Insolvenz“ wieder auszugleichen.

Es sind die völlig banalen Dinge, die wir so häufig vernachlässigen, die uns aber Energie geben. Sehen Sie, das Leben funktioniert nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten. Gerade ist der Medizin-Nobelpreis für die Aufschlüsselung der Biorhythmik vergeben worden. Die Preisträger Jeffrey Hall, Michael Rosbash und Michael W. Young haben unter anderem auch herausgefunden, dass die Missachtung der natürlichen Biorhythmen krank machen kann. Wenn ich gegen die Gesetze des Lebens verstoße, dann raubt das sehr viel Energie. Darum muss ein effizientes Energiemanagement zuallererst auf die ganz offensichtlichen Energiespender schauen. Dazu gehören ausreichend Licht, Sauerstoff, also frische Luft, Ruhe, Schlaf, Meditation, eine gesunde Ernährung, ausreichend Flüssigkeit, Chronohygiene, Bewegung, erfüllende zwischenmenschliche Beziehungen, entgiftende Maßnahmen und Sinn im Leben. All diese Dinge helfen mir, mein Energiekonto zu füllen.

Und doch scheitern ja viele Menschen gerade an diesen alltäglichen Dingen, wie ausreichend Schlaf zu bekommen, oder sich gesund zu ernähren. Woran liegt das?

Entweder, weil man keine Aufmerksamkeit darauf richtet, also nicht achtsam mit sich umgeht, oder, wenn das Bewusstsein für eine gesündere Lebensweise bereits erwacht ist, man sich zu viel auf einmal vornimmt. Darum rate ich immer zu einer Strategie der kleinen Schritte. Man sollte zunächst verändern, was einem leichtfällt. Anfänglich nicht mehr als zwei oder drei Gewohnheiten modifizieren, zum Beispiel die Schlafenszeit. Wenn man üblicherweise um zwei Uhr nachts ins Bett geht, sollte man sich langsam halbstundenweise zurückarbeiten, denn der Mensch ist biorhythmisch betrachtet kein Nachtwesen. Wenn man grundsätzlich einen Wecker zum Aufwachen braucht, dann ist das ein klares Indiz dafür, dass man zu wenig schläft. Dann sollte man einfach mal darauf achten, wenigstens an zwei oder drei Tagen in der Woche mehr zu schlafen. Vielleicht klappt das auch nicht jede Woche, wenn man jedoch seine Aufmerksamkeit darauf richtet, immer häufiger.

Nun könnte man meinen, dass viele Menschen auch deshalb an einer gesunden Ernährung, genügend Schlaf und Bewegung scheitern, weil diese Dinge durchaus Zeit kosten - Etwas, woran es vor allem Führungskräften mangelt. Sie aber sagen, dass Energiemanagement nicht zeitaufwendig sein muss. Warum?

Wirksames Energiemanagement kostet keine Zeit. Zwei Beispiele: Jeder von uns muss essen. Wenn Sie das Richtige zum rechten Zeitpunkt zu sich nehmen, wird die Mahlzeit zu einem wundervollen Energiespender. Wenn Sie jedoch das Falsche zu einem ungünstigen Zeitpunkt essen, wenn Sie gemessen an Ihrer Verdauungskraft zu viel oder zu schwer essen, wandelt sich das, was uns nähren sollte, zu einem Energieräuber. Sie fühlen sich müde und schlapp. Ein zweites Beispiel ist Meditation, die unter Führungskräften zunehmend an Beliebtheit und Anerkennung gewinnt. Ich habe meine Doktorarbeit über die Wirkungen der Transzendentalen Meditation auf das Herz-Kreislaufsystem geschrieben. Stress ist ein wichtiger Risikofaktor für Krankheiten wie Bluthochdruck oder Herzinfarkt. Meditation ist eine hocheffiziente Maßnahme der Stressbewältigung, in die wir zwar Zeit investieren müssen, die jedoch unsere Konzentrationsfähigkeit und Leistungskraft deutlich erhöht, unseren Geist reinigt und unsere Lebensfreude steigert. Dadurch gewinnen wir Zeit und steigern unsere Lebensqualität.



Dr. Bauhofer: Managen Sie Ihre Energie, nicht nur Ihre Zeit! (Kommunikationskogress 2014)


(Bild: Dr. Ulrich Bauhofer)